Sonntags-Spaziergang in Zeiten der ...

Erinnerung an einen Frühlingsspaziergang vor vielen Jahren

 

Heute waren wir nur zu dritt unterwegs beim Sonntagsspaziergang - auf dem Foto nur die Mama, die Mädels heute nicht in Fotografiertwerden-Laune...

Wir vermissen unseren Papa und Ehemann, aber wir möchten seine kleine Geschichte mit Euch teilen:

Auf Entdeckungsreise in andere Welten

Es ist unglaublich!

Mein Blick gleitet über ein unübersehbares Gewirr tief eingeschnittener Schluchten. Deren steil abfallende Wände sind übersät mit übereinander gestaffelten Terrassen, Balkonen und Höhlungen. Überall die surrealsten Farbschattierungen: Schwefelgelb, Blaugrün, Leuchtorange, Knallrosa... Alles schwingt in einem gleichmäßigen aber nie gleichförmigem Rhythmus. Je länger ich schaue, desto mehr glaube ich, über eine gigantische, hochaufragende, außerirdische Stadt hinwegzublicken; eine Szene aus einem Science-Fiction Film. Noch nie habe ich etwas Vergleichbares gesehen. Allem Anschein nach befinde ich mich in einer anderen Welt...

„Papa, ich will auch mal!“ Die Stimme unserer vierjährigen Tochter Aurora, schreckt mich aus meinen Tagträumen. Ich richte mich wieder auf und betrachte nun aus einer Armlänge Entfernung die eher unscheinbare, knapp handtellergroße Flechte, die sich mit vielen anderen den Platz auf dem Sandsteinfelsen vor uns teilt. Aurora platzt schon vor Neugier, und so erkläre ich ihr, wie sie durch Opas Fadenzähler, eine extrem vergrößernde Lupe aus der Textilindustrie, schauen muss. Plötzlich steht Verblüffung auf ihrem Gesicht, und für einige Momente ist sie ganz still.

Pfiffige Täuschung

Hummelragwurz
Hummelragwurz

 

Mein Schwiegervater ist derweilen schon mit meiner Frau und unserer älteren Tochter um die nächste Wegbiegung verschwunden. Als wir sie einholen, stehen sie über eine Orchidee gebückt, an deren Blüten Bienen Nektar saugen.

Aber Moment mal, das sind keine Bienen. Was wir sehen sind die Blüten selbst. Ein wissendes Lächeln erscheint auf dem Gesicht meines Schwiegervaters, der nun die Pflanze als Hummelragwurz identifiziert und uns darüber aufklärt, dass sie mit dieser pfiffigen Täuschung Hummeln zur Bestäubung anlockt.

Purpur-Knabenkraut
Purpur-Knabenkraut

 

Kurz darauf öffnet sich der Wald, und wir trauen kaum unseren Augen. Die im hellen Sonnenschein vor uns liegende Wiese ist übersäht mit purpurfarbenen und rosa Orchideen. Für mich sehen sie alle ziemlich gleich aus.

Aber jetzt legt Schwiegervater richtig los. Ein halbes Dutzend Arten erkennt er auf den ersten Blick. Verschiedene Knabenkräuter, Pyramidenorchis, Brandorchis. Kenntnisreich erklärt er uns die Unterschiede zwischen den Pflanzen. Nicht, dass ich mir das beim ersten Mal alles merken könnte, aber beeindruckend ist es trotzdem.

Feenwohnungen


Für unsere Töchter sind es einfach Elfenblumen. Sie schicken sich an, in Felsspalten und knorrigen Baumwurzeln nach Feenwohnungen und Zwergenhöhlen zu suchen, was ihr Großvater unverzüglich zum Anlass nimmt, sie auf die Schönheit der dort wachsenden Moose und Farne aufmerksam zu machen.

So geht das den ganzen Weg, bis wir die Burgruine auf der anderen Talseite erreicht haben. Überall gibt es Neues zu entdecken, und fast immer weiß unser familieneigener Pflanzenexperte etwas Interessantes dazu zu erzählen.

Wolfgang Sandt 2006

Umbrien und Allgäu

Schon seit vielen Jahren macht unser Opa botanische Führungen und sein Fachwissen ist so enorm wie seine Begeisterung ansteckend.

Bei vielen Besuchen haben wir mit ihm die ganze Umgebung unseres Hauses erkundet, und überraschend viel dazugelernt, obwohl wir dachten, uns mit der heimischen Flora schon recht gut auszukennen.

Im Allgäu kümmert er sich - trotz seiner 85 Jahre - ganz engagiert mit seiner Initiative "Allgäuer Blumenwiesen" für den Erhalt einer nachhaltigen Flora.

Wen es interessiert, der kann hier mehr lesen:

https://www.pflanzen-deutschland.de/dr.greifenhagen/

Danke Opa!

von Aurora und Amira

Dr. Christoph Greifenhagen mit Annette und Wolfgang in La Rogaia 2016
Dr. Christoph Greifenhagen mit Annette und Wolfgang in La Rogaia 2016. Photo: Daisy Carlson

Noch etwas:

Wir bitten, uns nicht falsch zu verstehen.

Wir leben hier nicht in einer Blase auf einem „Hügel der Seligen“ und finden die ganze Situation alles andere als amüsant.

Das Gegenteil ist der Fall:

Wir halten uns auf dem Laufenden, wissen um den Ernst der Lage und verschließen auch nicht die Augen davor.

Gerade deshalb versuchen wir nur, uns und anderen Mut zu machen !

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Kommentar von Gudrun Rubarth |

Liebe Anette, lieber Wolfgang, wir erfreuen uns sehr an Euren Kommetaren, wir wünschen uns eine rasche Besserung der Situation, ganz liebe Grüße aus einem Wien in einer völligen Ausnahmesituation, Gudrun und Andrej

Antwort von Annette Greifenhagen

Liebe Gudrun und Andrej,
habt vielen lieben Dank für Euren Gruß aus Wien, auch Euch alles Gute, bleibt gesund und munter!
Annette
PS: Vielleicht mögen es die Wiener wie die Italiener machen: Jeden Abend um 18 Uhr erklingt von Balkonen und Terrassen Musik und die Menschen winken sich zu!