Schreibwerkstatt in
LA ROGAIA

Kreativ gegen die Krise

von Charlotte Schmitz

Wie riecht ein zerdrücktes Salbeiblatt? Wie hört sich Wind in Olivenbäumen an? Acht Menschen streifen über das Gelände eines italienischen Landguts, schnuppern an Kräutern und befühlen Terrakottafliesen. Gemeinsam mit einem Dachdecker, einer Verwaltungsangestellten, einem Informatiker und anderen Journalisten entdecke ich die Welt des Schreibens neu. In ihrer „Schreibwerkstatt“ lehrt uns die Münchner Trainerin Britta Loebell, die Umwelt bewusster wahrzunehmen. Wenn wir nicht gerade sinnlichen Eindrücken nachspüren, spinnen wir Geschichten über drei einsame Kreuze am Waldrand oder einen gebleichten Schafsschädel auf einem Cafétisch.

Was habe ich als Journalistin in einem Kurs für Kreatives Schreiben zu suchen? Hunderte von Redakteuren werden entlassen, freie Journalisten beobachten mit Bangen ihre sinkenden Umsätze. Ist es nicht Luxus, sich mit Kreativität zu befassen, während der Medienmarkt immer tiefer in die Krise taumelt? Haber ich überspannte Erwartungen an eine literarische Qualität meiner Geschichten? 
Zweimal Nein. Nein, journalistische Texte unterscheiden sich nicht grundlegend von literarischen. Schriftsteller wie Journalisten beschreiben Menschen, schildern Orte, bauen Spannungsbögen auf. Und nochmals nein: Kreativität in der Krise ist kein Luxus, sondern das Gebot der Stunde. Wer noch mehr vom Gleichen anbietet, hat weniger Marktchancen als der Kollege, der mit einer fesselnden Idee, einem Nischenthema oder einem originellen Zugang zu einem bekannten Thema aufwartet.

Zwar ist damit die Medienkrise nicht beseitigt, aber kreatives Schaffen verbessert Absatzchancen und hat einen angenehmen Nebeneffekt: Die Arbeit macht mehr Spaß. Das liegt daran, dass Kreativtechniken die rechte Gehirnhälfte anregen. Die rechte Gehirnhälfte ist für das Spontane zuständig, für Gefühl und Intuition, die linke hingegen für Logik, Analytik und Systematik. Kreative Techniken verschaffen Zugang zum eigenen Unterbewusstsein und dessen Potential. 
Wer ein „Cluster“ erstellt, indem er unkontrolliert alle Stichwörter, die ihm einfallen, rund um ein Ausgangswort schreibt, wird sich wundern, welche Assoziationen seine rechte Gehirnhälfte ausspuckt. Wer auf einer „Zeitlinie“ in die eigene Vergangenheit oder die eines fiktiven Protagonisten zurückschreitet, wird erstaunt bemerken, mit welcher Verlässlichkeit Szenen vor seinem inneren Auge entstehen. 
Lehrbücher für Kreativtechniken können nicht immer begründen, warum eine Methode wirkt. Mancher Erklärungsversuch klingt reichlich esoterisch. Als pragmatischer Mensch ist mir das egal, solange die Techniken funktionieren. Gute Ideen spülen Geld in die Kasse – eine Binsenweisheit, die auch und gerade in der Krise gültig ist.

""Für so einen Krempel fehlt mir die Zeit“, höre ich in Gedanken gehetzte Kollegen einwenden. Sicher kostet der Einsatz von Kreativtechniken zunächst Zeit. Bei Themen, die mir frei aus der Feder fließen, brauche ich sie nicht. Aber an dem Tag, an dem der Einstieg schwer fällt oder die jüngsten Meldungen über Stellenstreichungen vom Schreiben ablenken, weiß ich jetzt, was ich tue. Genau dann kann mir nicht leisten, eine Hälfte meines Hirns faulenzen zu lassen.

Charlotte Schmitz ist freie Autorin in Frankfurt mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Entwicklungspolitik, www.charlotte-schmitz.de

Der Artikel erschien in: Medium Magazin 9/2003, S. 59

Schreibwerkstatt in LA ROGAIA - Erlebnisbericht einer Teilnehmerin

von Lisa Pausch

Die Fahrt nach La Rogaia fühlt sich holprig an, das kleine Auto tuckert so etwas wie eine Straße den Berg hinunter. Ich bin Beifahrerin und drücke trotzdem angestrengt mit meinem rechten Fuß auf eine imaginäre Bremse. Luise und ich haben eine Minifahrgemeinschaft gebildet, um in dieses italienische Idyll für genau eine Woche zum ungestörten und angeleiteten Schreiben auszuwandern. Luise hat mich am Münchner Hauptbahnhof abgeholt und kaum waren wir 7 Stunden (extrem ausgedehnte Schnatterpausen) unterwegs, ratterten wir auch schon, das erste gemeinsame Abenteuer witternd, die oben erwähnte Holprigkeit hinunter.

Wir werden zunächst von einer Bande wildgewordener Schafe, dann von einem schafsähnlichen Hund (Labradorwasweißichmischling?, der Besitzer möge mir verzeihen) und endlich von Britta, der Seminarleiterin der Schreibwerkstatt begrüßt. Wir dürfen uns mit unseren Zimmern bekannt machen und treffen uns eine Stunde später zum ersten Abendessen. Endlich. Was erwartet uns? Fremde Gesichter, ein abgelegenes Gehöft, frische kühle Luft, heulender Wind, ein paar Bäume, die einen klitzekleinen Friedhof verheimlichen, der bereits erwähnte lammfromme Hund. Gerüche vom Feinsten. Was alles? Schafsdung, trocknendes Graß, das köstliche Essen, Orangen, fremde Parfums. Ich nehme mir wirklich vor, zu schreiben und dabei zuzuhören, zu riechen, zu sehen, zu fühlen, zu schmecken und zu tasten. 
Endlich mal zur Besinnung zu kommen. Zur Sache kommen, wie Luise sich ausdrückte. Die anderen Kursteilnehmer werden mir dabei behilflich sein, das sehe ich ihren Gesichtern an. Sie möchten mich kennenlernen, ich erzähle von meinem Leben als Flugbegleiterin, von meinem Hobby, dem Tangotanzen, von Zeitunterschieden, meinen Lieblingszielen und der Schwierigkeit, einen Rhythmus in meinem Leben zu finden. Ich erfahre beim Austausch diverser Schüsseln über den großen Tisch hinweg, bei Kerzenlicht, woher die anderen kommen, ihre Namen, die ich mir nicht gleich merken kann, nur den einen oder anderen, weil mir der Träger irgendwie näher scheint als ein anderer, was sich im Laufe der Woche auch wieder ändert und ich mich plötzlich mit einem Teilnehmer unterhalte, der sich anfangs sehr weit von mir entfernt zeigte. Es fühlt sich anders an, wenn ich im Briefing mit einer Crew zusammensitze, gespannter und zugleich lockerer.

Nach dem Essen eine erste Schreibanregung. Britta fordert uns auf, sie vorzulesen. Meine Stimme wackelt schon wieder so komisch. Warum macht es mich so verlegen, meinen Text vorzulesen! Ich weiß schon, weil ich immer persönliche Dinge mit einfliessen lasse. Bisher habe ich hauptsächlich Tagebuch geschrieben. Ich sollte endlich damit aufhören, mit mir zu hadern. Es könnte doch für die anderen interessant sein, was ich erlebe, wie ich denke, was ich mir ausmale oder wie ich mir vorstelle, was in den Köpfen anderer vorgeht. Hier habe ich die seltene Gelegenheit, eigene Geschichte umzuschreiben, sie mit einem anderen Ende zu versehen, Peinlichkeiten oder Demütigungen auszumerzen. Also: warum zittert meine Stimme? Lampenfieber? Kenne ich aus der Fliegerei doch gar nicht. Schreiben heißt für mich auch immer, etwas von mir preiszugeben, selbst wenn ich nichts Autobiografisches schreibe. 
Der Ton, den ich anschlage, die Worte, die ich wähle, die Perspektive, die ich einnehme, all das bin ich, verrät mich womöglich. Na und? Trotzdem denke ich immer wieder: hoffentlich denkt keiner der Teilnehmer, dass ich das alles erlebt habe, was ich die nächsten Tage beschreiben werde: eine schaurige Internetbekanntschaft, der Tanzabend einer Tangotänzerin, das Märchen von einem Arzt mit seltsamen Fähigkeiten. Britta schickt uns immer wieder hinaus in die beruhigende Natur La Rogaias. Sie versorgt uns mit einem spannenden Thema und einem Beutel Zeit, den wir uns gut einteilen müssen. Ich suche mir meine Schreibplätze sehr bewußt aus. Manchmal heißt das, ein Stück zu laufen, der Frisur Ade zu sagen und ein Stück Schreibtisch ohne Tischplatte und Stuhl in Kauf zu nehmen. Ich muß mich nicht an das ausgemachte Thema halten. Das Thema kann mich zu einem ganz anderen Thema führen, also zum eigentlichen Thema – zu meinem eigenen. Es gibt – laut Britta – keine Themaverfehlung. Welch eine Freiheit. Kann ich mit soviel Freiheit umgehen? Ja, ich kann. Denn ich will es können. Was wird Luise schreiben, welchen Platz wird sie sich aussuchen? Ich lerne etwas über mich: nicht jeder Text bringt meine Stimme aus der Bahn. 
Wir können die Texte untereinander austauschen, wenn sie uns zu sehr bewegen. Dann liest sie eben ein anderer vor. Wir werden für all unsere Texte reich belohnt. Wir schreiben uns gegenseitig „Fische“: aus bunten Pappblättern geschnittene Schnipsel, auf die wir Fische malen und die wir mit einem ausschließlich positiven Kommentar zum gelesenen Text versehen. Jeder einzelne von uns sammelt im Laufe der Woche einen Riesenfang an, um den ihn jeder Fischer beneiden würde.

In der Gemeinschaftsküche dürfen wir uns auch selbst versorgen. Ich koche morgens Wasser auf, trinke mate-Tee. Das habe ich in Buenos Aires von meiner Tangolehrerin gelernt. Das Wasser darf keinesfalls kochen, sonst kippt es und der Tee kann sein Aroma nicht entwickeln, da ‚la yerba’, das Kraut, wie die Argentinier ihren mate-Tee nennen, verbrennt. Ich trank dieses Zeug zum ersten mal in einem Taxi in Buenos Aires. Der Fahrer bot mir seinen mate (die Kalabasse) mit der bombilla, einer Art Metallhalm mit Sieb an (es ist Sitte, den Tee mit anderen zu teilen). 
Es schmeckte grauenhaft, ein Gemisch aus Erde, abgestandenem Wasser und Graß. Mit Graciela, die mich dem Tango näherbrachte, lernte ich, die yerba zu geniessen. Für die anderen Kursteilnehmer sah das aus, als würde ich mich irgendeiner indianischen Sucht hingeben. Der frühe Nachmittag ließ mir ebenfalls Zeit für dieses Ritual gegen die Müdigkeit. Die anderen gingen spazieren, legten sich zu einem Mittagsschläfchen in ihr Zimmer oder schrieben einfach weiter an einem ihrer Texte. Einen Nachmittag dieser Woche bekamen wir frei. Mit einem der Kursteilnehmer tuckerte ich den Berg wieder hinauf in Richtung Assisi. 
Abends eine Schreibinstallation mit allem Drum und Dran, also Kerzenlicht, dunkelrote Vorhänge, die Tische auseinandergerückt, an die Wand geschoben. Aus dem Seminarraum hat Britta eine argentinischeTanzbude gezaubert. Thema: eine Tangonacht. Kein Zufall, denn Britta tanzt auch Tango. Nach dem Vorlesen der Texte gibt es für die meisten die allererste Tango-Stunde. Ich muß mich als Mann verkleiden und Britta zum Tango auffordern. Ich wundere mich über die Texte der anderen. Die wissen eine ganze Menge über Tango, obwohl sie ihn nie getanzt haben. Jedes einzelne Gefühl, das sie in Form einer Kurzgeschichte verpacken, habe ich selbst schon gefühlt. Niemand, wirklich niemand hat sich mit dem Klischee des Tango begnügt. Ich bin begeistert.

Als Luise und ich das letzte mal den Berg hinauftuckern, brauche ich nicht mehr zurückzuschauen, um zu wissen, dass ich diese Idylle sehr vermissen werde.